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  review ART KOLUMBUS-EFFEKT  

  rbd BAD ALCHEMY # 101        
     
         
   
 

 

Wenn Erik Mälzner (words / voice / samples / computer) & Jürgen Richter (sampler / midi-keyboard / e-guitar) ihre neueste Anstrengung als BRAINGRAINHOTSPOT Art Kolumbus-Effekt (NO EDITION # 112) nennen, ist das vermutlich mehr als nur ein Verweis auf den 1492 einsetzenden, in einer Doku auf arte dargelegten Tausch von Pferden, Rindern, Schweinen, Bienen gegen Truthahn und Meerschweinchen, von Orangen, Bananen und Zuckerrohr gegen Kartoffeln, Mais, Tabak, Tomaten und Kakao, von Pocken und Gelbfieber gegen Syphilis, von Indianern gegen 'Amerikanern'. Was uns im No-No-No-editionalen Kindergarten immerhin Bananen beschert. Und Kunst als Ei des Kolumbus? Ein Hörspiel, das am Strand einsetzt mit Wellenschlag, Schritten, Glocken, Akkordeon, einem denglisch raunenden Ent, einer deutsch wispernden Zunge, einer holländischen Hubot-Nanny. Doch es ist noch viel komplizierter. Denn als weitere Knoten sind in den klangkomplexen Dream­scape eine Handvoll Artikel aus der ZEIT eingeflochten: mit 'Es ist kompliziert' ein Appell an alle Weltvereinfacher, dazu Archäologisches wie '"Stonehenge" im Bodensee' und 'Verrückte Flieger' (über die Nazca-Kultur) neben 'Unterwegs in perfektoiden Räumen' (über den Mathematik-Star & Fields-Medaillen-Preisträger Peter Scholze), 'Pink als Wille und Vorstellung' (über Paläopoesie und die unterschiedliche Farbwahrnehmung von Frauen und Männern) und 'Wenn ich allein bin, spreche ich mit dem Bild von David Bowie' (ein Traum von Tony Visconti). ...ich bin nicht orange / ich bin grau / und Grau ist unbunt und von Hause aus ungeeignet / die Aufmerksamkeit des Publikums zu wecken. So raunt die Textebene von Erkenntnis und Eigengesetzlichkeiten, von Wechselwirkungen und Orientie­rungspunkten, von Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit in einem Netzwerk aus Leer­stellen. Oder auch von ignoranten Tanten und von Clowns, die die Arbeit verweigern. ...verloren im Raum / verloren in der Welt / verloren im Zuhause / lost in Hyper Space / Serendipität... Darüber scheint der Mond, fremd und vertraut, subtil und doppeldeutig. Dazwischen geschnitten sind Sätze aus so unterschiedlichen Filmen wie "Der lüsterne Türke" (mit Ingrid Steeger als Sexsklavin), "Die Zweite Heimat / Chronik einer Jugend", "Jen­seits der Stille" und "Schussangst". Und Ratschläge an sich selbst wie: end the noise... nicht die Leute verschrecken... keine Poesie... Ich bin dennoch verschreckt, von eher zu krausem Tobak als zu wenig Farbe oder fehlender Poesie. Denn die Klangpalette aus elektronischen Geräuschen und Rhythmen, aus Feldaufnahmen (von Wasser, Vogelpfiffen, Hundegebell, grollenden Bestien, Gelächter, Bahnhofsdurchsage...), aus Stimmen, Ge­sängen, Samples und dazu Spritzern, Tupfern, Pinselstrichen von Gitarre, Keys, Glocken­spiel, Drummachine, Gongs, die ist jenseits von Stille und jenseits von Worten. Wobei die Merkwürdigkeit der ZEIT-Text-Cut-ups auch noch zweistimmig, stotternd oder vocoder­gepitcht hoch 2 gesetzt ist. Ein Witz? Nein Nein Nein. Einfach ein Spaß (?) für Primaten, von Primzahlen ins Dreidimensionale geknotet, aber ohne Furcht vor Informationsver­arbeitungsstörung. Das muß man aushalten. Mit allem Moll und Fegefeuer. Bis zum Finale im Kindergarten, belohnt mit Bananen. Da kann man noch jahrelang von zehren.

rbd BAD ALCHEMY # 101, Germany

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