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  review DES KNACKERS KLEINES LIEDERBUCH  

  rbd BAD ALCHEMY # 106        
     
         
   
 

 

Zu wundern braucht es also nicht, dass Mälzner sich als Kinderschreck vorkommt. Zumindest singt er von einem, als ob er wüsste, wie sich das anfühlt: ... vertreibt ihn / auch wenn er noch so schön spielt / gebt keinen Applaus / verstopft eure Ohren / auch wenn er noch so schön singt / gebt kein Geld / haltet die Nase zu / er stinkt. Das klingt, gelinde gesagt, sarkastisch und ist Teil von DES KNACKERS KLEINES LIEDERBUCH (NO EDITION # 127, DL/USB), dessen lyrisches Ich - N.N. ward ich getauft / doch bin ich unbekannt / nirgendwo ist mein Heimatland - 55 Jahre nach Franz Josef Degenhardts "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" keinen entscheidenden Schritt weiter ist. Zu wenig wurde anders, wir wurden nur alt. Aus frechen Gören wurden Katzenomas und Schneckenopas (im Blumengarten / wo die Schnecken auf mich warten ). Alte Knacker, verkrachte Existenzen, an denen die Zeit die Zähne wetzt: knusper knusper knäuschen / wer knuspert an meinem Heu / die Zeit die Zeit / weit und breit nur Leid . Andererseits: leere Räume haben es in sich / noch ist Leben drin („Augenschein“). Doch wieder andererseits wird selbst das Meer, einst Quelle des Lebens , zur Müllkippe der Welt , die zum Himmel stinkt („Meer“). Dieser Opa ist keinesfalls eine Umweltsau. Und erst recht kein peinlicher Tourist, der sich im Hotel mit Heu und Gras verwöhnen lässt - durch die Blume somit als Vieh beschimpft („Hotel“). Aber wie sollte es anders sein im Kreislauf, der Plastikmenschen end- & aus­weglos nur falsche Inhalte in falschen Formen bietet („Runde für Runde“). Als Trost bleibt dem Einsamen gerade mal ne Wärmflasche, my sweatheart („Du Flasche“). Und eine süße „To Do Liste“: die Reichen bestehlen / die Dummen vergiften ...

Gegen Langeweile hilft Musizieren singen, z. B. eine trübsinnige, aber dadurch auch eigene Version von „It Was a Very Good Year“ : als er fünfzehn war / war es ein freudloses Jahr ... als er zwanzig war / war es ein eisiges Jahr... als er dreißig war / war es ein schlechtes Jahr... („Die Jahre“). Gescheiterte Existenz letztlich, aber dennoch ein gutes Lied. Und insgeheim denkt man ja doch: sei es drum... als kleiner König angefangen / aufgehört als ..gott („Jubiläum“). Allerdings als Gott außer Dienst, kein Götze, kein Popanz - das ist bloß eine Phantasie - und entsprechend hilflos: ich kann keinen Trost spenden / und keine Einsamkeit lindern... das ist die Realität. Also: haut endlich ab. Ich bin kein Star, lasst mich in Ruh. Das Ich hat sich „Sommersonntagabend“-Friede verdient: schaue aus dem Fenster / Schwalben fliegen... Krähen sitzen im Baum... Radler strampeln... Nachbarn grillen im Hof. Auf die Frage "Was warn heud los?" antworten können: Midm hund schbazifiziern / nach­barn von hindn jesehn... Und schließlich als 'Der Hinterbliebene': aufräumen / und sauber­machen / am besten desinfizieren / die Lichter löschen / Fassung wiederfinden... und im Wartezimmer zum Jenseits eins aufrücken. Erbaulich ist das nicht, was Mälzner da bietet, aber verdammt ehrlich in seiner alterswerklichen Neusachlichkeit. Die Beobachtungsgabe und das poetische Auf-den-Punkt-Kommen ist wie immer bemerkenswert, der Identifika­tionsfaktor erschreckend hoch. Des alten Knaben Wunderhorn mischt, drahtharfig, trom­petenelegisch und mit Sprechgesängen, kindliches 'Fangerles' mit der Hatz auf Außen­seiter. Mälzner pickt Gitarre wie Bill Orcutt, er singt wie HAL auf Valium und knarrt wie ein Steinbeißer, er beklagt mit Charles Trenet zu Zweifingerpiano das malträtierte Meer und beobachtet den Lauf der Zeit mit Frank Sinatras Augen. Einhandkeys und simpel getupfter, lasch geklopfter Beat unterstreichen den meist bassigen Sprechgesang, der sich gelegent­lich verjüngt oder animiert zum Bariton aufschwingt, so wie auch die Musik pseudoorchestral anschwillt, als Reklame für aufgeblasene Sensationen. Während andere, 60 Jahre prä­sent, mit ihren Hunderten von Arbeiten nicht mal ein Steckenpferd satteln oder sich den sauren Mund mit Gänsedaunen abwischen können, auf dem langen N.N.-Marsch - Nichts Niemand Nirgends Nie. Also lieber bloß zukukken und mit dem Akkordeon seufzen. Keine Kirschen am Baum, aber 'n Erhängter an der Decke. Aus die Maus, Leichenschmaus.

rbd BAD ALCHEMY # 106, Germany

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